Loretta Wollenberg:

Die Reise oder...

und plötzlich ist es ein ständiges Abschiednehmen

Richard Strauss 1945 -1949


Uraufführung Grassau 2014

Richard Strauss zum 150. Geburtstag

Loretta Wollenberg

DIE REISE

oder

...und plötzlich ist es ein ständiges Abschiednehmen

 

Es spielen:

 Pauline, Sängerin und Ehefrau des Komponisten..........Heidi Klemm

 Der Komponist....................................................Loretta Wollenberg

 Maria-Josepha, Prinzessin von Sachsen.......................... Lalé Yaman

 Dr. Ernst Roth, Musikverleger....................................... Horst Winter

 Herr G., ein Dichter und Theaterdirektor.............. Karsten Wildeisen

 

 Inszenierung/ Bühne........................................... Loretta Wollenberg

 Kostüme...............................................................................Ensemble

Fotoarbeit Goethe in der Campagne: Hauke Gilbert, Jesteburger Drogerie

 

URAUFFÜHRUNG

2. Oktober 2014

Heftersaal / Grassau, Chiemgau



Hosenrollen auf dem Theater

Zu allen Zeiten war es eine spannende Vorstellung, in die Rolle des anderen Geschlechts zu schlüpfen. Doch konnten die meisten Gesellschaften dieses Spiel (für manche auch eine Notwendigkeit) nicht tolerieren und es blieb der Regentschaft der Narren und dem Theater vorbehalten, Männer in Röcke und Frauen in Hosen zu stecken. Doch selbst auf die Bretter, die Welt bedeuten hatten Frauen lange Zeit keinen Zutritt. Daher mußten Männer auch in Frauenrollen auftreten. Die „echte Hosenrolle", sind männliche Bühnenfiguren, die von Frauen dargestellt werden. Die berühmteste Hosenrolle ist sicher die des Octavian, des jungen Geliebten der Feldmarschallin in Richard Strauss’ Oper „Der Rosenkavalier. Eine weitere Hosenrolle im Strausschen Werk ist die Figur des idealistischen jungen Komponisten, den Hugo von Hofmannsthal in seinem Szenario des Vorspiels zur Oper Ariadne auf Naxos in den Mittelpunkt stellte: " ... In den Mittelpunkt stelle ich noch mehr als bisher das Musikerschicksal, verkörpert durch den jungen Komponisten... "

Er ist für Hofmannsthal eine symbolische halb tragische, halb komische Figur, die Antithese des ganzen Spiels. Strauss kann der Figur des Komponisten zunächst keine Sympathie entgegenbringen. Vor der Uraufführung der Neufassung schlägt er Hofmannsthal vor, die Partie mit einer Sängerin zu besetzen, da die Tenöre so fürchterlich sind [...]“.  Doch Hofmannsthal ist zunächst strikt dagegen. „Ich fürchte, hier hat Sie der Theateropportunismus total auf den Holzweg gebracht. [...] Dieses Verniedlichen gerade dieser Figur, um die der Geist und die Größe wittern sollen, in ein immer leise operettenhaftes Travesti, das ist mir, verzeihen Sie meine Offenheit, greulich.“

Das ist weder der erste noch die letzte Streitfrage zwischen den beiden Autoren, doch In der „Komponistenfrage“ setzt Strauss sich letztlich durch; er wird zur Hosenrolle.

 Heute, da man weiß, dass es eine nahezu unübersehbare Bandbreite an Geschlechtsidentität gibt, ist es nicht nur auf der Bühne sondern auch im realen Alltag kein Problem mehr, durch Kleidung und Gebaren das Geschlecht zu wechseln.

Der junge Berliner Schauspieler Klaus Kinski unternahm bereits vor ca 50 Jahren den Versuch, Jean Cocteaus Einpersonenstück "Die menschliche Stimme" den einer Frau in den Mund gelegten Monolog zu sprechen, als "umgedrehte Hosenrolle" gleichsam. Im Kleid auf dem Divan liegend, mit aufgelöstem Künstlerhaarschopf und mit allem Mut seiner 22 Jahre sprach und spielte er die Szene jener alternden Frau, die, verlassen, von ihrem Geliebten, am Telephon Abschied nimmt und sich danach mit der Hörerschnur erdrosselt.

Inzwischen gab es Barbra Streisand als Yentle, Katharina Thalbach als Hauptmann von Köpenick und als Friedrich II., Glenn Close als Albert Nobbs, Cate Blanchett als Bob Dylan,  oder Angela Winkler als Hamlet, Goethes Mephisto ist seit Jahrzehnten zur Hosenrolle geworden, der Faust folgt ihm auf dem Fuße.

 

 Richard Strauss von einer Frau gespielt ?

 Ich gestehe es offen, es war ganz und gar nicht geplant. Aber leider erkrankte der Darsteller des Richard Strauss vor wenigen Wochen. Die Ersatzsuche gestaltete sich schwierig: Es galt nicht nur den umfangreichen Text zu bewältigen, Gespräche mit etwaigen Kandidaten zeigten auf, wieviel Hintergrundwissen es zu bewältigen und zu verinnerlichen gab. Dann war da die Musik..., wie sollte man den Richard Strauss spielen, ohne seine Musik wirklich zu kennen und zu lieben?

Der Vorschlag kam von Freunden und ich begann, nachzudenken. Ein Stück geschrieben zu haben heißt nicht, in jede Rolle schlüpfen zu können. Und die Worte Hofmannsthals hatte ich im Ohr. " ein immer leise operettenhaftes Travesti..."

Nachdem ich mich intensiv mit dieser Option auseinandergesetzt habe, bin ich überzeugt, daß die Lösung eine legitime Möglichkeit darstellt. Noch dazu eine, die eine Distanz zur historischen Person des Komponisten schafft, die einmal mehr verhindert, zu richten oder mit dem Finger zu weisen. Als Autorin geht es mir darum, ein Verhalten aufzuzeigen, das uns Nachgeborene immer wieder vor die schwerwiegende Frage stellt: Wie hätte ich mich verhalten, was würde ich tun?  Heute! Ich glaube in der Tat, es gibt kaum eine Frage, die mich als Mensch zu mehr Reflektion über mich zwingt oder die mich wacher hält und aufmerksamer macht, für die Dinge, die mit mir und um mich herum geschehen.

Ich bin seit ich denken kann der Musik des Komponisten Richard Strauss verfallen, der Mensch hat mich mit zunehmendem Alter zur Auseinandersetzung gezwungen und mich vor die großen Fragen meiner eigenen Menschwerdung gestellt, nicht selten auf Punkt Null zurückgeworfen und mich nach erneuter Metamorphose wieder aufstehen lassen.

Der Komponist in meinem Stück ist weder eine Hosenrolle noch eine Männerrolle: Er steht beiden Geschlechtern zur Verfügung, weil er unser aller Tun und Handeln unter bestimmten Vorzeichen in Frage stellt und uns allen als Mahnung dienen kann, uns nicht in uns selbst zu verlieren.


Bei den Proben