Die Reise oder ...und plötzlich ist es ein ständiges Abschiednehmen


Die wundersamen Steine der Grazzowe

Emotionen statt Worte - Loretta Wollenberg bringt Theaterstück mit einem Flüchtling auf die Bühne

mum. Jesteburg. So aktuell kann ein Theaterstück sein: Entwickelt und von Loretta Wollenberg im vorigen Jahr geschrieben, hat die Gegenwart eine Theatergruppe (zwischen sechs und 75 Jahren) eingeholt. Denn in dem Stück "Die Grazzowis und die wundersamen Steine der Grazzowe", das am Samstag, 7. November, um 17 Uhr und Sonntag, 8. November, um 15.30 Uhr im Gemeindehaus der St. Martins-Kirche gezeigt wird, gibt es bei den Grazzowis nach einer langen Reise viele neue Mitbürger.
"Ich finde, dass unser Stück sehr viel mit unserer Zeit zu tun hat - auch, wenn es nur ein Märchen ist", sagt Loretta Wollenberg. Auch die Theater-Gruppe hat während der Proben einen neuen Freund gefunden. Gérard stammt von der Elfenbeinküste und hat dort bereits Theater gespielt. In Jesteburg übernimmt er die Rolle des Römers Claudius - auf Französisch. "Zusammen Theaterspielen geht auch ohne gleiche Sprache", ist Wollenberg überzeugt. Es sei gar nicht nur die Sprache, die wichtig ist. "Es sind unsere Emotionen, unsere Körperhaltung, der Klang unserer Worte. Was für eine Erfahrung, plötzlich geht es ganz leicht, und die Sprache ist gar kein Problem."
Und darum geht es in dem Stück: Ein schlimmes Unwetter hat die Grazzowe zerstört. Noch immer sind Arleus, der Römer, und Josy nicht von einer Rom-Reise zurück, bei der Arleus den Römern das "Lied von der Freude" vorsingen wollte. Als die Zauberin Bastia die beiden kurz vor Rom in ihrer magischen Kugel entdeckt, steht für die Grazzowis fest: Sie müssen nach Rom und die beiden nach Hause holen. In dieser Notlage lüftet Bürgermeisterin Berwa ein Geheimnis. In einem Notfall kann man mit den großen Steinen draußen vor dem Dorf in sekundenschnelle Entfernungen zurücklegen. Der Beginn einer spannenden Geschichte.
Loretta Wollenberg hatte bereits vor sechs Jahren ein Stück um die "Grazzowis" geschrieben. Damals im Auftrag der Wolfgang-Sawallisch-Stiftung, die ihren Sitz in Grassau (Chiemgau) hat - daher stammt auch der Name Grazzowis. Die Uraufführung fand im Juli 2011 im Salzburger Schauspielhaus statt. 2013 war es dann in überarbeiteter Fassung in Jesteburg zu sehen.
Der erste Teil schildert die bisher von fremden Einflüssen unberührte, dörfliche Welt des singefreudigen Ortes Grazzowe. Mitten in die Vorbereitungen eines jährlichen Festes platzt ein übelgelaunter Römer. Das Fest kann erst beginnen, als die Fremden aufeinander zugehen.
Die Einnahmen möchte die Theatergruppe sparen. "Wenn wir genug zusammenbekommen, wollen wir im Frühjahr zu den echten Grazzowis nach Bayern reisen und ihnen unser Stück zeigen", sagt Loretta Wollenberg. •


Die Grazzowis und der immergrünleuchtende-singsangtönende Klingklang-Kugel-Tag

Ein bunter Reigen lebhafter Szenen

Wahrlich: man kann es ein Spektakel im Shakespeare'chen Sinne nennen, was Anfang Juli in Grassau Premiere hatte. Die Musikschule brachte mit dem Stück "Die Grazzowis und der immergrünleuchtende-singsangtönende Klingklangkugel-Tag" von Loretta Wollenberg erstmals eine aufwändige Musiktheater-Produktion auf die Bühne. Und es wurde ein großer Erfolg.

Grassau - Der Kinder- und Jugendchor unter Leitung von Sandra de Crescenzo sang, tanzte und spielte mit Konzentration und sichtlicher Begeisterung in den vielen bewegten und bewegenden Szenen, die die Autorin Wollenberg in den vergangenen Monaten speziell für die Musikschule Grassau geschrieben hatte. Die Hamburger Schauspielerin ist seit langem dem Chiemgau eng verbunden. Sie führte nicht nur Regie, sondern gestaltete auch die Bühne, entwarf die Kostüme und spielte Souffleuse, die das eine oder andere Mal hilfreich eingreifen konnte.

Wie es sich für ein richtiges Musiktheater gehört, stand am Anfang eine Ouvertüre. Sie war eigens für die "Grazzowis" komponiert von Rupert Schmidhuber (Musiklehrer, Trompeter und Mitglied des Grassauer Blechbläser Ensembles).

Die folgenden zwei Stunden gehörten einem bunten Reigen von lebhaften Szenen im vielfältigen Bühnenbild und mit zauberhaften Kostümen der 24 jungen Sängerinnen und Sänger, die teilweise mehrere Rollen übernommen hatten. Alles spielte sich in der Saalmitte ab, so dass die Zuschauer prächtige Bilder zu sehen bekamen. Schwieriger war es, der Handlung zu folgen. Ausgehend von der wahren Ortsgeschichte (der historische Name "Grazzowe" hat seinen Ursprung in den frischen grünen Fichtensprossen des Achentals) und dem Abzug der römischen Besatzung aus Süddeutschland im fünften Jahrhundert n. Chr. verwob die Autorin mutig märchenhafte Motive mit Figuren aus Shakespeares "Sommernachtstraum".

Auch ein erschöpfter Römer durfte nicht fehlen, der sich so gerne bei den Grazzowis erholt hätte, aber vor lauter Musik nicht zur Ruhe kam. Shakespeare schickte Titania, Oberon und Puck vorbei, die ebenfalls am munteren Dorfleben teilnahmen. Zum Schluss feierten alle zusammen ein liederreiches Fest. Auch Mozart und Beethoven gaben sich dabei die akustische Ehre. Das bunte Geschehen war so einladend lebhaft, dass aus dem Publikum einige kleine Kinder mittanzten und sangen. Die große Zahl der vielen jungen Familien im Publikum zeigte übrigens auch, dass Grassau mit der Umsetzung familienfreundlicher Maßnahmen bereits auf gutem Weg ist - der Bedarf ist da. Groß und Klein erlebten einen spannenden Theaterabend.

Die Flexibilität der beteiligten Kinder zeigt sich auch beim Wechsel der Aufführungsorte: Premiere war im Heftersaal, die zweite Aufführung am folgenden Tag in der völlig anderen Umgebung des Museums "Salz und Moor" (Klaushäusl). Weitere Aufführungen in Schulen des Achentals sind geplant.